Kurz gesagt
Homöopathie biete ich nicht an. Ihre Grundannahmen widersprechen dem, was wir über Körper, Krankheit und Arzneistoffe wissen, und eine Wirkung, die über die Umstände der Behandlung hinausgeht, ist nicht belegt. Wer Homöopathie nimmt, ist bei mir trotzdem willkommen.
Was Homöopathie lehrt
Die Homöopathie geht auf den Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843) zurück. Sein Hauptwerk ist das „Organon der Heilkunst“; es erschien in mehreren Auflagen. Ich zitiere die vierte Auflage von 1829 im Wortlaut und in der Schreibweise des Originals. Sie können sie selbst lesen.
In einer Anmerkung gleich zum ersten Paragrafen warnt Hahnemann vor dem „Zusammenspinnen leerer Einfälle und Hypothesen“ (Anmerkung zu § 1). Dann stellt er drei Lehrsätze auf.
Erstens: Ähnliches heilt Ähnliches. Ein Mittel, das bei Gesunden bestimmte Beschwerden hervorruft, soll Kranke mit ähnlichen Beschwerden heilen. Hahnemann nennt das ein Naturgesetz: „Eine schwächere dynamische Affection wird im lebenden Organism von einer stärkern dauerhaft ausgelöscht, wenn diese […] jener sehr ähnlich in ihrer Aeußerung ist“ (§ 21). Als Beispiel aus dem Alltag führt er den Koch an: „Eine mit kochender Brühe begossene Hand hält der erfahrne Koch dem Feuer in einiger Entfernung nahe“ (Einleitung). Bitte nicht nachmachen.
Zweitens: Krankheit ist eine Verstimmung der Lebenskraft. Nicht Stoffe machen nach Hahnemann krank, sondern eine Kraft ohne Materie gerät in Unordnung. Jede Krankheit sei „eine besondre, bloß dynamische Verstimmtheit unsrer Lebenskraft in Gefühlen und Thätigkeiten“ (§ 24). Krankheitsstoffe hielt er für Einbildung der Ärzte seiner Zeit (Anmerkung zu § 20): „Welcher Nosologe sah je mit leiblichen Augen einen solchen Krankheits-Stoff“ (Einleitung); ein Nosologe ist ein Gelehrter, der Krankheiten beschreibt und ordnet. Die Frage war damals berechtigt. Heute zeigt das Mikroskop viele stoffliche Krankheitsursachen, die er nicht kennen konnte.
Drittens: Verdünnen und Potenzieren sollen die Kraft steigern. Der Arzt könne seine Arzneien „bis an die Gränzen der Unendlichkeit verdünnen, zertheilen, potenziren“ und zugleich in der Gabe so weit vermindern, dass sie „nur um ein Kleines stärker bleiben, als die damit zu heilende, ähnliche, natürliche Krankheit“ (§ 46). Für die Prüfung von Arzneien an Gesunden empfiehlt Hahnemann „kleine, aber hoch verdünnte und hoch potenzirte“ Gaben, „weil deren Kräfte am vielfachsten entwickelt sind“ (Anmerkung zu § 121). Potenzieren nennt die Homöopathie das schrittweise Verdünnen und Verschütteln ihrer Arzneien. In hohen Verdünnungen ist vom Ausgangsstoff rechnerisch kein einziges Molekül mehr enthalten.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Die nationalen Wissenschaftsakademien der Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben sich zum European Academies' Science Advisory Council zusammengeschlossen. Dieser Zusammenschluss hat im September 2017 die Stellungnahme „Homeopathic products and practices“ veröffentlicht. Sie stützt sich auf Bewertungen maßgeblicher und unparteiischer Stellen und kommt zu dem Ergebnis: Es gibt keine bekannte Krankheit, bei der belastbar und wiederholbar belegt ist, dass Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus wirkt, also über die Wirkung hinaus, die auch ein Scheinmittel haben kann. Die wissenschaftlichen Behauptungen der Homöopathie sind danach nicht plausibel und mit den gesicherten Erkenntnissen von Chemie und Physik nicht vereinbar. Die Stellungnahme können Sie auf Englisch selbst lesen.
Im Februar 2016 haben die Gründer des Informationsnetzwerks Homöopathie bei ihrem Gründungstreffen in Freiburg die „Freiburger Erklärung zur Homöopathie“ verfasst, nach dem Vorbild der älteren Marburger Erklärung. Dem Netzwerk gehören nach eigener Angabe Ärzte, Apotheker, Tierärzte, Biologen, Naturwissenschaftler und andere Kritiker der Homöopathie an. Verfasser sind Dr.-Ing. Norbert Aust, Dr. med. Natalie Grams und Amardeo Sarma; zu den fünf Erstunterzeichnern gehören Professoren der Universitäten Exeter und Bremen. Die Erklärung sagt im Kern:
- In über 200 Jahren hat die Homöopathie ihre spezifische Wirksamkeit nicht nach objektiven Kriterien belegt, und sie kann keinen plausiblen Wirkmechanismus angeben.
- Ihre Grundlagen, die Ähnlichkeitsregel, die Lebenskraft und das Potenzieren durch Verdünnen, sehen die Verfasser als widerlegt an.
- Dass es Menschen während einer homöopathischen Behandlung besser geht, bestreiten sie nicht. Sie führen es aber auf Suggestion und auf die Umstände der Behandlung zurück, nicht auf das Mittel selbst.
- Sie wenden sich dagegen, dass homöopathische Mittel ihre Wirksamkeit nicht so nachweisen müssen wie andere Arzneimittel.
- Ihre Kritik richtet sich ausdrücklich nicht gegen Patienten und nicht gegen einzelne homöopathisch arbeitende Ärzte und Heilpraktiker, denen sie gute Absicht zugestehen, sondern gegen die Lehre und gegen Einrichtungen des Gesundheitswesens, die sie fördern.
Ich teile diese Einschätzung in den hier wiedergegebenen Punkten. Den vollständigen Wortlaut, der schärfer formuliert ist als diese Zusammenfassung, finden Sie beim Informationsnetzwerk Homöopathie: Freiburger Erklärung zur Homöopathie.
Was das für Sie heißt
Wer Homöopathie nimmt, ist bei mir willkommen; ich behandle Sie wie jeden anderen Patienten. Sagen Sie mir bitte, was Sie einnehmen, auch homöopathische Mittel, damit ich Ihre gesamte Behandlung überblicke. Ich verordne und empfehle keine homöopathischen Mittel. Setzen Sie eine wirksame Behandlung nicht zugunsten eines homöopathischen Mittels ab und schieben Sie sie nicht auf; sprechen Sie vorher mit mir.
Wenn Sie wissen möchten, warum ich das so sehe, nehme ich mir in einem eigenen Beratungstermin Zeit dafür; er ist eine ärztliche Leistung, die ich nach der Gebührenordnung für Ärzte berechne; was das für Ihre Versicherung und für gesetzlich Versicherte bedeutet, steht unter Kosten. Ich spreche gern mit jedem darüber, der das Organon gelesen hat, und genauso gern mit jedem, der es nicht gelesen hat.
Ich bin Facharzt für Allgemeinmedizin, kein Homöopath und kein Medizinhistoriker. Ich beurteile die Homöopathie aus der allgemeinmedizinischen Praxis heraus und stütze mich auf die hier genannten Quellen.